Margot Käßmann in der »Höhle des Löwen«

Wirtschaftsforum der Volks- und Raiffeisenbanken im Kreis Calw erstmals mit einer Frau als Gastrednerin

Foto: Fritsch

Schwarzwälder Bote, 05.11.2015, Axel H. Kunert

Sie wagte sich als erste Frau in die »Höhle des Löwen« beim Wirtschaftsforum der Volks- und Raiffeisenbanken. Und als erste Geistliche. Dass sie dabei auch ein wenig gepredigt hat, wollte Margot Käßmann nicht so recht ausschließen.

Altensteig-Wart/Kreis Calw.
Es ist der ganz große Unternehmertreff im Kreis Calw, das alljährliche gemeinsam veranstaltete Wirtschaftsforum der im Landkreis vertretenden, insgesamt fünf Volks- und Raiffeisenbanken. Bis zu 1000 Unternehmer, leitende Angestellte, Bürgermeister und Vertreter der übrigen großen Institutionen von IHK bis Kirchen aus dem gesamten Nordschwarzwald kommen dazu in das Dekra Congress Centrum im Altensteiger Ortsteil Wart.

Die diesjährige Gastrednerin Margot Käßmann, Ex-EKD-Ratsvorsitzende, heute »Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017« im Auftrag des Rates der EKD, lockte allerdings »nur« rund 700 Neugierige in den weiten Saal des Kongresszentrums. Ein Lothar Späth konnte einst bei seinem Auftritt in dieser Runde die bis heute gültige, vierstellige Rekordmarke bei den Besucherzahlen setzen. Aber das ist auch immerhin schon zwei Jahrzehnte her. Und heuer sind ja auch gerade Herbstferien im Ländle, so das mancher, den das Thema des Tages »Was wirklich zählt. Christliche Werte in unserer Gesellschaft« eigentlich hätte interessieren können, sich wohl lieber irgendwo, wo es gerade wärmer ist, es auch gut gehen ließ.

Denn auch die Volks- und Raiffeisenbanken verwöhnen stets ihre Gäste beim Wirtschaftsforum. Schließlich gehört das Dekra Congress Centrum zum nahen Hotel Sonnenbühl mit dessen bekannt toller Küche. Und Jörg Stahl, Vorstand der Volksbank Herrenberg-Nagold-Rottenburg, stellt für sich und seine Kollegen klar, dass genau diese Nähe herausragender Kulinarik zu einer wirklich großen Event-Location immer wieder dazu beitrage, dass das Wirtschaftsforum ausgerechnet hier veranstaltet werde. Diese Kombination in dieser Dimension quasi unter einem Dach – das sei nunmal einzigartig im Kreis Calw. Denn schließlich wolle man solch eine Veranstaltung auch vor allem dazu genutzt wissen, dass nach dem offiziellen Teil mit den jeweiligen großen Gastreden auch der gesellschaftliche Aspekt für die Besucher nicht zu kurz komme. »Networking« heißt das neudeutsch. Wenn man sich durch solche Anlässe kennen und zu schätzen lerne, arbeite es sich nachher auch leichter miteinander.

Für den »Stargast« Margot Käßmann selber war dies der wohl erste Besuch in Kreis Calw. Jedenfalls wüsste sie nicht, dass sie in der Vergangenheit schon einmal hier gewesen wäre. Aber sie habe sofort und augenblicklich zugesagt, als sie damals die unerwartete Einladung erhielt. »Vor Bankern zu sprechen – die Chance bekommt man ja nicht alle Tage.« Sagt sie im Anschluss an ihre knapp 60-minütige Rede, die natürlich auch ein wenig eine Predigt gewesen sei. »Das kann ich nicht immer so strikt trennen. Das gebe ich zu.« Was Käßmann dabei vielleicht gar nicht so bewusst ist: Sie ist nicht nur die erste Geistliche, die vor dieser Runde beim Wirtschaftsforum sprechen durfte. Beziehungsweise: wollte. Sondern auch die allererste Frau überhaupt, die diesen Auftritt wagte. »Wir haben schon oft versucht, herausragende Frauen als Referentin für das Wirtschaftsforum zu gewinnen«, erzählt VoBa-Vorstand Stahl knapp vor Beginn der Veranstaltung, während er bei der Auszeichnung all der reservierten Plätze in den ersten Reihen für die erwarteten »VIPs« mithilft. »Bisher natürlich mit Blick auf den Anlass vor allem Unternehmerinnen. « Aber bisher hätten alle angesprochenen Kandidatinnen stets gekniffen, wenn es wirklich ernst wurde.

Käßmann hat da offensichtlich keine Berührungsängste, obwohl das für sie irgendwie ja noch mehr die »Höhle des Löwen« war, ausgerechnet vor Bankern und meist sehr gut verdienenden Unternehmern über »christliche Werte« und Gebote zu reden – von »Du sollst nicht stehlen« bis zu »Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib« (Katholiken), beziehungsweise »deines nächsten Hauses« (Protestanten). Wobei sich Käßmann doch auch darüber wunderte, dass die beiden großen christlichen Kirchen genau beim letzteren Gebot diese feine Unterscheidung formulierten. »Warum nur!? Da lohnt es sich sicher einmal drüber nachzudenken.«

Ob sie denn das Erleben habe, dass sie mit dem, was sie sage und predige als »moralische Instanz«, auch etwas bewirke – etwa ein Bewusstseinswandel bei den Zuhörern? Theologin Käßmann, die einst wegen einer Alkoholfahrt sofort von allen ihren damaligen Ämtern zurücktrat und die Verantwortung für ihr Fehlverhalten öffentlich übernahm, muss erst einmal darüber nachdenken, ob sie wirklich diese »moralische Instanz « sei. »Vielleicht bin ich es. Auf der Herfahrt im Zug sagte der Schaffner, ›ach Sie sind es, Frau Käßmann. Bei Ihnen brauche ich sicher nicht die Fahrtkarte zu kontrollieren.‹ « Man könne das ja vielleicht mal ausnutzen, aber natürlich habe sie eine Fahrkarte gehabt. Und ob sie was bewirke? Mit den Predigten und Vorträgen – das wisse sie nicht. Aber auf ihre Bücher bekomme sie regelmäßig Rückmeldungen von Lesern, die sich angesprochen fühlten und von ihren persönlichen Konsequenzen aus dem Gelesenen berichteten.

Und wie erlebten die Zuhörer von Margot Käßmann an diesem Abend die »moralische Instanz«? Gerd Haselbach, Vorstandssprecher der Raiffeisenbank im Kreis Calw, fand, es war doch für jeden etwas dabei. Und als Banker vom Schlage Genossenschaftsbank habe er sich durch die Ausführungen Käßmann auch sehr bestätigt gefühlt. »Es gibt Bankster. Und es gibt uns.« Das, was Käßmann über christliche Werte gepredigt habe, sei das, was seine Mitarbeiter und er jeden Tag lebten. »Wir übernehmen Verantwortung für die Region, haben stets das gesamte gesellschaftliche Gefüge in unseren Geschäftsgebieten im Blick.« Und versuchten, Kunden wie Kollegen stets mit der Würde zu begegnen, die diese natürlicherweise verdienten. »Die Basis unseres Geschäftsmodells ist doch immer schon gegenseitiges Vertrauen.« Weshalb es auch den Mitarbeitern gegenüber keine »Hire and Fire«-Mentalität gebe wie sonst branchenüblich, sondern man immer und in jedem Bereich auf langfristige Beziehungen setze.